Nicht jede Kunst in Russland ist verboten, doch scheinbar hat die Kirche eine größere Wichtigkeit, als die künstlerische Freiheit. Ein schweigender Präsident, ein skurriler Prozess und eine Ausstellung mit dem Namen „Verbotene Kunst“ – das ist die Grundlage für das Szenario, das sich in Russland gerade abspielt. Die beiden Angeklagten, um die es geht, sind Jurij Samodurow und Andrej Jerofejew. Die Ankläger kamen gleich scharenweise: orthodoxe Priester, Schwestern und Kosaken sind mit der Ausstellung nicht einverstanden. Sie betrachten die Exponate als eine Beleidigung religiöser Gefühle und zeigen sich entsprechend aufgebracht.
Nun könnte man annehmen, die Ankläger waren in der Ausstellung, haben gesehen, was es dort zu sehen gab und danach eine Anzeige erstattet. Dem war nicht so. Die „Verbotene Kunst“ war nämlich nicht durch eine Tür zu erreichen, sondern nur über Leitern, die die meisten Kläger nicht einmal aus der Nähe gesehen haben. Man kürzte die Sache ab, indem man sofort zum Staatsanwalt ging, nachdem das Hörensagen (oder das Internet) ausreichten, eine gewisse Empörung auszulösen. Beim Staatsanwalt angekommen gab es die Ausstellungsbroschüre zu sehen und danach wurde Anklage erhoben – und zwar gleich hundertfach.
Es ist nicht so, dass man über die Kunstwerke aus der Ausstellung nicht diskutieren könnte. Gerade auf sensiblem Terrain, wie im Staate Russland einen Polizisten mit breitem Grinsen und Geldscheinen in der Hand abzubilden, ist brisant. Aber wie der Name der Ausstellung schon sagt, handelt es sich ja um Provokation, um „verbotene Kunst“. Drei Jahre Lagerhaft forderte der Staatsanwalt im Namen aller Kläger, die ihren Unmut durch Gebete während der Verhandlung laut zu Tage brachten. Das Urteil lautete „schuldig“ im Sinne der Anklage. Die beiden Angeklagten haben Hass und religiösen Zwist hervorgerufen und müssen dafür nun nicht geringe Geldstrafen bezahlen. Die Kirche geht eben bei Mütterchen Russland immer noch über alles – auch über moderne Kunst, die eben nun einmal manchmal auch polarisiert.

13 Jul